Guten Morgen ihr Lieben,

ich wünsche euch einen wunderschönen Start in die neue Woche. Die liebe Kerstin füllt das heutige Türchen und hat euch einen exklusiven Ausschnitt aus: „Was geschah mit Femke Star mitgebracht.

»Und du bist sicher, dass es für deine Eltern okay ist, wenn ich hierbleibe?«, fragte Anouk verlegen. Sie hatte eine Reisetasche dabei, die so voll gepackt war, dass sich der Reißverschluss nicht schließen ließ und die Spitze eines weißen Sportschuhs herausschaute. Als würde er einen vorsichtigen Blick wagen, um zu sehen, wo er gelandet war und ob es ihm hier gefallen würde.

Hier war in diesem Fall Femkes sehr kindliches Zimmer, mit Kuscheltieren in jeder Ecke und Postern von süßen Jungs an den Wänden. Aber sie war noch jung, Anouk und sie besuchten erst seit zwei Jahren das Gymnasium und befanden sich an der Grenze zum Teenagerdasein.

Femke schloss die Tür zu ihrem Zimmer. »Hat meine Mutter doch gesagt«, versuchte sie, Anouk zu beruhigen.

Anouk setzte langsam ihre Tasche ab und sah für drei Sekunden auf sie hinunter, als überlege sie, ob sie nicht einen besseren Platz dafür finden könnte. »Ja, hat sie. Weil ich direkt daneben stand. Viel wichtiger ist, was sie sagt, wenn ich nicht dabei bin«, erwiderte Anouk nachdenklich.

Femke machte eine wegwerfende Handbewegung und ließ sich auf ihr rosarotes Bett plumpsen. »Ich bin mir sicher, dass sie es meint, wie sie es sagt.« Es war ein Versuch, das verunsicherte Mädchen zu beruhigen, doch Anouk konnte ihre Befangenheit nicht aus ihrem Gesicht löschen. Verloren stand sie in einem luftleeren Raum, dort, wo sie seit Betreten des Zimmers verharrte, und schien der Schwerelosigkeit mit ihren schweren Sorgen zu trotzen.

»Und dein Vater?«

Eine seltsame Frage.

Femkes übertrieben unbesorgtes Gesicht sagte ihr sofort, dass auch diese Bedenken unbegründet waren. »Der mag dich. Glaub mir, es ist okay. Okay?«

Anouk nickte halbherzig. »Okay.«

Femke seufzte, dann sprang sie von ihrem Bett, nahm Anouk bei der Hand und zog sie mit auf die einladende Matratze.

Und während Anouk, das in Schwarz gekleidete Mädchen mit den dunklen Augenringen, zwischen rosa Plüsch und einer Herde Einhörner saß, schien sie sich tatsächlich ein wenig zu entspannen.

Nun war es Femke, die sie nachdenklich ansah. Sie strich ihrer Freundin eine braune Strähne hinters Ohr, die sich aus dem unordentlichen Zopf gelöst hatte. »Wie lange geht es bei dir zu Hause schon so?«

Die erste Erschrockenheit über die direkte Frage hielt nicht lange an und wurde zu blasser Verlegenheit. »Eigentlich schon immer«, erwiderte Anouk schulterzuckend, den Blick auf ihre schmerzhaft kurz geschnittenen Fingernägel. »Früher … früher haben sie es eher heimlich getan – dachten sie. Aber ich habe es immer gerochen. Und an ihrem Verhalten bemerkt.«

Mitleid legte sich auf Femkes Züge – sie würde erst später lernen, dass es etwas war, was die Menschen für gewöhnlich nicht sehen wollten. »Haben … haben sie dich …«

»Geschlagen?«, beendete sie Femkes abgebrochenen Satz. »Nein. Aber sie wurden hilfsbedürftig, verstehst du? Meine Schwester und ich … es war zuletzt irgendwie so, als … als wären wir die Erwachsenen und müssten uns um Kinder kümmern.«

»Das klingt schrecklich.«

Unbeholfen zuckte Anouk mit den Schultern. »Ist nicht schlimm. Immerhin weiß ich jetzt, wie man kocht und Wäsche wäscht.« Es klang wie ein Scherz, doch Anouks Gesicht war anzusehen, dass sie all das gern unter anderen Umständen gelernt hätte. Die Notwendigkeit, sich mit zwölf Jahren selbst versorgen zu müssen, weil ihre besoffenen Eltern es nicht mehr schafften, war kein guter Lehrer.

»Ich bewundere dich«, brach es aus Femke hervor, als hätte sie schon lange darauf gewartet, genau das loszuwerden.

Ein verstohlenes Lächeln huschte über Anouks Gesicht. »Echt? Du bewunderst mich, weil ich Wäsche waschen kann?«

Femke schüttelte energisch den Kopf, griff nach Anouks Händen und sah ihre Freundin liebevoll an. »Weil du das alles geschafft hast. Ich glaube, dafür muss man sehr stark sein. Also emotional und so. Wenn meine Eltern … ich weiß echt nicht, wie ich das überleben würde.«

Anouks Wangen wurden rot, sie war verlegen, vermutlich kannte sie es nicht, solche netten Dinge gesagt zu bekommen. »Weißt du, ich denke, wenn man es muss, kann man mehr schaffen, als man selbst glaubt. Außerdem hatte ich meine Schwester.«

Femke lachte und verdrehte die Augen. »Und ich hab Konstantin.«

Beide kicherten, denn in ihrer Welt war Femkes älterer Bruder so selbstständig wie ein Säugling, der ständig betüddelt werden wollte.

»Du hast recht, Fem. Du wärst verloren«, sagte Anouk, nachdem sie aufgehört hatte zu lachen.

»Sag ich doch.«

Gut gelaunt drückte Femke die Hände ihrer Freundin, immer noch grinsend, dann sprang sie auf und lief zu ihrem Schreibtisch. Um den Spiegel an der Wand hatte sie unzählige Fotos geklebt, Postkarten und im Unterricht geschriebene Nachrichten. Verschiedene Gesichter waren darauf zu sehen, Handschriften und Orte, aber das meiste war von Anouk. Ihr Gesicht, das neben dem von Femke in die Kamera grinste, ihre Handschrift auf den zugesteckten Zettelchen, ihre Postkarten, die sie ihr einfach so schickte, obwohl sie nicht weit entfernt wohnten.

So etwas taten Freundinnen.

Dankbar sah Anouk dem anderen Mädchen hinterher. »Femke?«

Sie blieb stehen und drehte sich fragend zu Anouk um.

»Bitte lass uns für immer Freundinnen sein, ja?« Es war offensichtlich, dass es ihr nicht leichtfiel, Femke darum zu bitten. Dennoch hatte sie es getan, anscheinend war es ihr wichtig.

Femke legte ihren Kopf schräg und sah neckend zu ihr hinüber. »Freundinnen?«

»Die besten Freundinnen«, grinste Anouk, sichtlich erleichtert.

Femke strahlte über das ganze Gesicht, dann nickte sie. »Ganz bestimmt. Ich wüsste nicht, was uns jemals auseinanderbringen sollte.«

Inzwischen wissen sie es.

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